Wolf Schneider: Meine Mutter

Gefunden in Wolf Schneiders »Tagebuch fürs Wesentliche«:

Meine Mutter

Heute morgen ist meine Mutter gestorben. Gegen Mittag war ich bei ihr, ich durfte noch eine halbe Stunde dort sein, eh sie abtransportiert wurde in den Kühlraum. So bei ihr zu sitzen, wie sie so still dalag – wunderbar! Schon auf der Herfahrt und dann auch dort bei ihr weinte ich viel – ein erlösendes Schluchzen, das sich wie ein warmer Regen über mich ergoss, der so vieles wegspült und die Erde tränkt. 87 Jahre hat sie gelebt, das ist genug. »Ich will nicht mehr«, hatte sie so oft gesagt in den letzten Tagen.

Ein kafkaeskes System

Das Krankenhaus drumrum, in das sie leider eingeliefert werden musste, ist ein riesiger Betrieb mit so vielen Automatismen. So vieles daran wird den Menschen nicht gerecht. Sie bewegen sich daran wie Gestalten in einem Roman von Kafka, die Dinge tun, weil »es so sein muss« Vom Essen, über die Hygiene bis zum Maschinenaufwand und den ärztlichen Entscheidungen ist das Krankenhaus ein riesiger Apparat, der die Menschen, Personal wie Patienten, in sich aufnimmt und dann wieder ausspuckt, tot oder lebendig.

Um 9.30 h hatte ich per Telefon von meiner Schwester erfahren, dass meine Mutter in der Nacht gestorben war. Rief dann gleich am Krankenhaus an, noch weinend (aber doch klar genug sprechend), ob ich noch bei ihr sein dürfe, meine Schwester habe mir gesagt, sie würde dort nur bis 11 h liegen, und ich brauche doch zwei Stunden mit dem Auto. »Warum rühren Sie sich erst jetzt, sie haben doch schon um 7 Uhr Bescheid bekommen!«, ranzte mich die Frau am Telefon an, so wie man in einem Internat einen Schüler maßregelt, der die Ausgangszeiten nicht eingehalten hat. Schließlich wurde mir die Gnade gewährt, dass sie noch bis 13 dort liegen würde. Und dann um 13 h, eine andere Person, ganz jovial: »Ach, auf die zehn Minuten kommt es nun auch nicht an!«

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