„Aus der Wand“ – Buchrezension

Aus der Wand von Wolf-Peter Weinert

Paula Willms hat Darmkrebs. Nach einer erfolgreich verlaufenen Operation, bei der man ihr einen Teil des Darms entfernt hat, kommt der nächste Schock: Die benachbarten Lymphknoten sind von Metastasen befallen…

Paula Willms ist allein. Ihr Ehemann Carl, pendelt lethargisch zwischen Arbeitsplatz und Fernseher, Ihr erwachsener Sohn David ist zum Studieren in weite Ferne gezogen. Angst ist Paulas Grundgefühl und sie vermisst die innere Stärke und den Willen um wieder gesund zu werden. Als letzte Rettung erscheint ihr ein einsam gelegener See, den sie immer wieder aufsucht, und den sie oft vom Plateau einer großen, steilen Felswand aus betrachtet. Hier spürt Sie das letzte bisschen Freiheit, das letzte bisschen Selbstbestimmtheit. Doch diese Freiheit beruht zunächst noch auf der Möglichkeit, sich von der hohen Klippe stürzen oder in den dunklen See hinabsteigen zu können, sollte der Krebs Paula in die Knie zwingen. Paula erwartet nichts mehr vom Leben.

Hier am See trifft sie schließlich Thomas Bolder, den Mann „aus der Wand“. Thomas ist leidenschaftlicher Sportler und Kletterer und hat eine nicht minder schwere Vergangenheit hinter sich. Doch im Gegensatz zu Paula hat er den großen, dunklen Abgrund bereits überwunden und Wege gefunden, neuen Lebensmut zu schöpfen. Er hat die heilende Kraft der Natur, der Bewegung und der Meditation kennen gelernt und wird Paulas Lehrer. Mit seiner Hilfe lernt sie zu entspannen, die Gedanken an die Krankheit, den Tod und das missliche Leben sein zu lassen und die Zeit zu genießen. Die anfängliche Freiheit, sich für den Tod entscheiden zu können, wird zur Freiheit für das Leben. Und auch Thomas lernt durch seine neue Gefährtin. Trotz seiner schweren Vergangenheit öffnet er sich der Liebe für einen anderen Menschen und verspürt das Glück, das er lange Zeit nicht sehen wollte.

Der Autor Wolf-Peter Weinert beschreibt den gemeinsamen Weg der Protagonisten, der sich meist in der heilenden Umgebung des stillen Waldsees abspielt. Und das ist gut so, denn „Aus der Wand“ ist ein Buch der Hoffnung und der Heilung. Ein Buch, das die wesentlichen Fragen und Ängste eines von Krebs betroffenen Menschen beschreibt, aber auch, wie sich diese beantworten und überwinden lassen. Wie man den Willen und die Kraft zum Leben wiederfindet. Schritt für Schritt begleitet der Leser Paula Willms aus ihrer Verzweiflung hinaus in die Erkenntnis, dass die uns umgebende Welt auch eine Welt der Symbole ist, die uns etwas über unsere Ängste erzählen können. Eine meditative Verbindung mit der Natur, Bewegung und Eigenverantwortung – das sind Paula Willms Antworten auf die Frage, welche Heilungsmöglichkeiten sich aus diesen Symbolen ablesen lassen. Und auch wenn der von ihr beschrittene Weg fast Allgemeingültigkeit für eine Heilung hat – führt er doch mit ziemlicher Sicherheit in ein bewussteres, selbstbestimmteres Leben – so muss jeder Mensch seine eigenen Symbole, seinen eigenen Weg finden und sich die alles entscheidende Frage stellen, die auch Thomas Bolder ihr irgendwann stellt:

"Alle diese Behandlungen haben andere an dir geleistet. Ich frage dich: Was hat Paula Willms selbst gegen ihren Krebs unternommen? Was hast du selbst getan?“ … „Deine innere Kraft, dein Wille. Die Hilfe, die du selbst deinem Körper geben kannst. Du selbst bist wichtig. Ich glaube, dein Körper braucht vor allem dich, deine Unterstützung, deine Zuwendung, deine Liebe. All die anderen Therapeuten rangieren an zweiter Stelle. Du solltest dein oberster Therapeut sein. Und genau deswegen frage ich dich: Was hast du selbst gegen deinen Krebs getan?“

Autor und Hausarzt Wolf-Peter WeinertWie Thomas Bolder wechselt auch der Autor, übrigens praktizierender Hausarzt, gekonnt zwischen der Perspektive des einfühlsamen Kenners, dem die Abgründe und Ängste betroffener Menschen vertraut sind, und dem sachlichen Therapeuten, der eine ganz konkrete Anleitung und wichtige Schritte für die Gesundung zu vermitteln weiß. Dabei scheint er mehr als nur ein stiller Beobachter seiner Patienten zu sein. Wolf-Peter Weinert besitzt offensichtlich das, was viele gute Autoren und Therapeuten auszeichnet – die eigene Erfahrung der menschlichen Tiefe, genauso wie die Fähigkeit, schwere Lebenssituationen aus eigener Kraft heraus zu meistern. Nur ein Mensch, der selbst seine Erfahrungen gemacht hat, kann gegen Ende des Buchs wohl zu der Erkenntnis gelangen, dass das Gute zum Schlechten und das Schlechte zum Guten führen kann: 

Das Paradoxe ist, dachte sie, ohne den Krebs hätte ich dies alles nicht erlebt. Ohne Krebs keine Lebenskrise und ohne Lebenskrise keine Ausflüge zum Felsen am See… Ohne See keine Begegnung mit Thomas Bolder.

Einzig die Metapher vom Krebs als Feind, die Weinert gegen Ende seines Buchs verwendet, stößt mir persönlich etwas auf. Das liegt wohl an meinen eigenen Erfahrungen und an meiner Einstellung, dass der Krebs auch ein Symbol unserer ungeliebten Aspekte ist. Eine Schattenseite, die nicht bekämpft, sondern integriert werden möchte und eben dadurch ihre Bedrohung verliert. Ob diese Metapher passt, muss aber wohl jeder für sich selbst herausfinden. Heilung scheint auf beiden Wegen möglich. Auf jeden Fall spricht Weinert vielen Krebspatienten aus der Seele und stellt so jene Nähe her, die für das Buch von so großer Bedeutung ist.

Insgesamt ist dem Autor ein schweres Kunststück gelungen: Ein sensibles Buch über den Krebs, dass dennoch „zupackt“, optimistisch ist und Betroffenen einen beispielhaften Weg aus der Hoffnungslosigkeit zeigt. Paula Willms schafft es rückblickend, die Frage nach dem Sinn ihrer Erkrankung zu beantworten. Ein Sinn fernab von Selbstanschuldigungen oder einer möglichen Bestrafung durch höhere Mächte. Ein Sinn, der die Unergründlichkeit des Lebens wohl bewahrt, aber eine tiefere Kraft erkennen lässt, die in uns wirkt. Vielleicht weniger ein Sinn, als vielmehr eine Lebendigkeit, die sich ergibt, „indem man seiner Freude folgt, gewissermaßen auf eine Spur bringt, die immer schon da war und auf einen wartete…“ So schreibt es der berühmte Mythenforscher und Symbolkenner Joseph Campbell. Wenn man es so sehen kann, sagt Campbell, fängt man an, Menschen zu begegnen, die im „Feld der Freude“ sind und einem die Türen öffnen. So wie Paula Willms, die in einer schweren Zeit einen Kraftort und einen Menschen findet, die sie beide auf ihrem inneren Weg der Heilung begleiten. Wolf-Peter Weinerts Buch kann dabei helfen, sich ebenso wie Paula Willms auf diesen Weg einzustimmen und seinen Sinn und seine Freude für das Leben wiederzufinden. Sehr empfehlenswert!

Wolf-Peter Weinerts Buch ist im Verlag Leben & Schreiben erschienen und kann hier bestellt werden.

 

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Bildquellen

  • (1) Aus der Wand (Cover), Umschlagsgestaltung: Christel Lottmann, Illustrationen: Caroline Rothe
  • (2) Wolf-Peter Weinert, Verlag Leben & Schreiben

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